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Trinität, Dualität und Quaternität – zur Dynamik der Evolution

Zahlen sind Archetypen: Einheit, Dualität, Trinität, Quaternität. Archetypen sind Grundmuster der Psyche. Der Archetypus des Selbst, das Gottesbild, deutet auf die Unendlichkeit der Psyche hin. „Bist du auf Unendliches bezogen….“ Darin zeigt sich die Dynamik: Wir kommen aus der (unbewussten) Einheit, dem Archetypus des Selbst, und müssen durch die Dualität (des Bewusstseins) in eine bewusst/unbewusste Unendlichkeit.

 

Wenn C.G. Jung sich mit dem Christentum und dem zentralen Dogma der Trinität beschäftigt, dann tut er das aus der Sicht der menschlichen Psyche und seiner archetypischen Konstellation. Der Archetypus der Trinität findet sich denn auch in allen Kulturen, ebenso wie der Archetypus der Quaternität. Jungs Hypothese war nun, dass das Christentum das Weibliche (und das Böse) verdrängt hat, aber auch, dass das Böse aus der Trinität ausgeschlossen sei. Allerdings muss man auch davon ausgehen: die Trinität drückt die Vollkommenheit aus, die Quaternität die Vollständigkeit[1]. In beiden kommt das Böse zunächst nicht vor. Das Böse ist aber das zentrale Problem des Menschen.

 

Im Chinesischen ist die Formel einfach: Aus Eins wird Zwei, und aus Zwei die zehntausend Dinge. Dynamisch kommt die Zwei nach der Eins, die Einheit spaltet sich auf in die Dualität. Auf die Trinität angewendet bedeutet das, dass zunächst der Vater, die Einheit ist. Das Wort für Vater war damals auch das Wort für Ursprung – also weniger anthropomorph und auch noch nicht bloß männlich. Im Ursprung ist zwar das Männliche und Weibliche (neutraler: Yin und Yang) angelegt, aber noch ununterschieden und ungetrennt. Das wäre die eigentliche Trinität: die noch undifferenzierte Dualität in der Einheit, oder die androgyne Einheit. Da ist weder das Weibliche, noch das Böse ausgeschlossen.

 

In einem nächsten Schritt differenziert sich die Einheit in Yin und Yang, in ein männliches und weibliches Prinzip. Es ist das Verdienst von Erich Neumann, der herausgestellt hat, dass männlich und weiblich nicht zwei gleiche Hälften bedeuten, sondern unterschiedliche Prinzipien. Am Anfang steht die androgyne Ur-Einheit, deren Dynamik aber weiblich ist. Das Männliche und Weibliche muss sich daher unterschiedlich entwickeln. Buben müssen sich von der Mutter lösen, um Ich, um männlich zu werden. Mädchen müssen sich nicht völlig loslösen, weil sie ja auch weiblich sind. So wird das Männliche zum Fragment, das sich abgrenzen muss, während das Weibliche in der Verbundenheit mit dem Mütterlichen bleiben kann. Daher ist das Männliche objektbezogen (dem Subjekt gegenüber), während das Weibliche das Verbindende ist. Das Gegenüber ist Bedingung des Bewusstseins, das symbolisch männlich ist – auch für die Frau, für die die Entwicklung daher komplexer verläuft.

 

Die Entfaltung der Welt (4)

Auf die Trinität bezogen heißt das: Der Vater/Ursprung ist weder männlich noch weiblich, die undifferenzierte Einheit. Im Sohn ist beides angelegt, er ist symbolisch androgyn. Gemeinsam mit dem Vater ist er die noch ungetrennte Dualität in der Einheit. Das Verbindende und Umfassende dieser Zwei-Einheit ist der Hl. Geist. Und das verbindende Prinzip ist symbolisch weiblich. Der Geist wird ja auch als Sophia interpretiert. In der Trinität ist die Quaternität (der Schöpfung) noch verborgen – in der Dualität/Androgynität des Sohnes.

 

Die Schöpfung ist die Welt der Dualität, die Welt der Gegensätze und der Quaternität: rechts-links, oben-unten, männlich-weiblich, hell-dunkel, gut-böse, usw. Daher ist die Welt auch ohne die dunkle Seite, ohne das Böse nicht denkbar.

 

Für Jung ist die Quaternität das Symbol der Ganzheit, und der Trinität fehlt demnach das Vierte zu ihrer Ganzheit. Man könnte, oder muss das aber auch umgekehrt sehen: In der Trinität, und sogar im Ursprung (Vater) ist bereits das Ganze angelegt. Der materiellen Welt fehlt dagegen das Immaterielle, das ihr zugrunde liegt. In AT und NT ist die Zahl 4 immer mit der materiellen Welt verbunden: Jesus fastet 40 Tage in der Wüste, das Volk Israel wandert 40 Jahre durch die Wüste, 7x7=49 ist die äußerste Zeit in dieser Welt der 40, dann kommt die 50 und nach den 7 Schöpfungstagen der 8. Tag, der nicht mehr von dieser Welt ist – das gelobte Land, das Moses als der Repräsentant der 4 nicht mehr betreten darf.

 

Die 7 der Schöpfungstage symbolisiert das Handeln des Geistes in der Materie. Die 7 ist 3 + 4, das Geistige im Materiellen. So ist es angelegt, aber in der Welt der Dualität fallen die Gegensätze, und damit auch das Geistige (3) und das Materielle (4), symbolisch das Männliche und Weibliche auseinander. Daran leidet diese Welt, dass die Immanenz des Geistigen nicht (mehr) gesehen wird.

 

Darin erklärt sich auch das Böse. In dieser Welt gibt es das Helle nicht ohne das Dunkle. Dieses Dunkle hat wie alle Symbole viele Schattierungen: Lucifer ist der gefallene Engel, also auch Geist in der Materie, Satan ist im AT der listige Versucher, daher auch Motor der Entwicklung. Auch bei Goethe ist Mephisto der Geist, der stets verneint, der die Spannung zwischen den Gegensätzen aufrechterhält, wobei es sehr leicht zum Kurzschluss kommen kann, aber auch zur Energie, die * Entwicklung ermöglicht. „Der Geist, der stets verneint, der stets das Böse will und stets das Gute schafft.“ So nahe liegen Gut und Böse beieinander! Das Böse ist auch Inbegriff der Ambivalenz. Im NT ist er der Herr der Welt, der sich gegen die geistige Welt stellt. Und so wie hell und dunkel zusammengehören, so Jesus und Satan, die dunkle Seite der Welt. Sie sind wie getrennte Zwillingsbrüder (Jung).

 

Die Inkarnation (1+4)

Der Archetypus der 3 symbolisiert die geistige Welt der Einheit, in der alles schon angelegt, aber noch ununterschieden ist. Die Trinität ist eine Einheit: 2 in 1. Christus ist in sich androgyn und eins mit dem Ursprung. Der König ist noch eins mit der Königin, der Sophia. Wobei letztere das Verbindende von Einheit und Zweiheit/Androgynität ist. In der geistigen/männlichen Trinität (Vater/Ursprung/Einheit – Sohn/Dualität – Hl. Geist/das Verbindende/Weibliche) ist die 4 noch verborgen, in der Dualität des Sohnes. Die drei bilden noch eine Einheit.  

 

Diesem Symbol der Ureinheit fehlt nichts – außer der Entfaltung, der Inkarnation, der Schöpfung. Diese steht im Zeichen der Dualität, der Spaltung der Einheit in die Dualität, und der 4. Die 4 ist aber nur materiell die Vollständigkeit. Die Dualität spaltet auch die Einheit zwischen Einheit und Vielheit. Der Blick auf die Dreieinheit in oder hinter der Vier, der Vielheit/Dualität geht verloren.

 

Die Mandalas im asiatischen Raum sind denn auch nicht bloß Ausdruck der Vier, sondern der 5, der 4 plus 1 – das Geistige im Materiellen, der Mittelpunkt muss dazu gesehen werden. Die 5 ist auch die Zahl des Menschen: 4 Extremitäten plus Kopf, 4 Finger plus Daumen – ohne dem ein Greifen und Begreifen nicht möglich wäre. Der Mensch lebt in der Dualität, in der 4, aber wo er steht, da ist der Mittelpunkt. Um das zu begreifen, muss er sich nach innen wenden, im Außen verdeckt die 4 den Ursprung, die 1.

 

Evolution – von der 1 zur 10

Alles beginnt mit den zwei Bäumen im Paradies. „Die Vier vom Baum der Erkenntnis, das Zeitliche, ist weiblich, das Ewige, die Eins vom Baum des Lebens, ist männlich. Aber, heißt es, beide Bäume haben eine Wurzel, bilden eine Einheit.“[2] Beim Essen vom Baum der Erkenntnis geht diese Einheit verloren., wird nur mehr das Äußere gesehen. Der Mensch sieht die Mitte allen Seins nicht mehr, die Einheit von Einheit und Vielheit, die 3 in der 4, die Dreieinheit in der Dualität, die 1, die Mitte, die Quintessenz in der Quaternität. Damit wird das rein Äußere zur Illusion, denn „das Äußere [symbolisch Weibliche] existiert gar nicht, wenn es nicht mit dem Inneren, Männlichen verbunden ist“.[3]

 

Die Dualität von Yang und Yin zeigt sich auch als innen (männlich) und außen (weiblich), auch für Mann UND Frau. Wie mit der Trinität und Quaternität ist es im Außen gegensätzlich zum Innen. Das Männliche (geistig, Einheit) ist im Außen (Bewusstsein) fragmentierend, während das Weibliche (außen, unbewusst) das Verbindende (Ganzheitliche) ist. In der Evolution/Entwicklung kommt das Männliche/Bewusstsein aus dem Weiblichen/Unbewussten, wobei das Bewusstsein dual, immer Bewusstsein von etwas ist. Die unbewusste (weibliche) Ganzheit geht in der Entwicklung verloren und ist auch Ziel der Evolution und Individuation, der Verbindung von Männlichem und Weiblichem zur Einheit des Ganzen. Dieses Ziel kann das Männliche (Bewusstsein) nur erreichen durch Vereinigung mit dem Weiblichen (Bewusstmachung des Unbewussten). Dazu muss der Mann sein weibliches Inneres bewusstmachen, um ganz werden zu können.

 

Im Patriarchat dominiert (noch) das männlich Fragmentierende. Überwunden werden kann das Patriarchat nur dadurch, dass das Männliche sein inneres Weibliches entdeckt und aus der Verdrängung erweckt – und dass das Weibliche sein inneres Männliches entdeckt und das Verbindende auch darauf erstreckt. In der Evolution muss die Einheit/Trinität in der Quaternität entdeckt werden, die Einheit der Mitte, die 1 in der 4, das (männlich) Geistige im (weiblich) Materiellen. Damit wäre die Grenze der Schöpfung erreicht: 3+4=7; 7x7=49, die Vollendung der 40. Was dann kommt, der 8. Tag, ist außerhalb unseres Horizonts, das Himmlische Jerusalem.

 

Diese Grenze ist dem männlich-fragmentierenden Geist unzugänglich, ebenso dem weiblich-unbewusst Verbindenden. Es braucht beides, nicht summierend, sondern verschmelzend. Was dabei entsteht, ist etwas Neues, das dem männlichen Bewusstsein verborgen und dem weiblichen Unbewussten dunkel erscheint. Durch die Vereinigung von König und Königin entsteht das Göttliche Kind, das aus der Vereinigung von beidem entsteht, aber etwas völlig Neues darstellt.

 

Einheit, Dualität, Trinität, Quaternität: 1+2+3+4=10: In der ursprünglichen Einheit ist die noch undifferenzierte Dualität, noch verbunden in der Trinität, entfaltet sich in der Dualität der 4, der Schöpfung, in der die Einheit verborgen bleibt. Wird die Einheit/Trinität in der Vielheit wiederentdeckt und kann die männliche mit der weiblichen Sicht verschmelzen, dann entsteht eine neue Sichtweise und die Einheit auf höherer Ebene (10).

 

 



[1] Murray Stein, Leiden an Gott Vater. C.G. Jungs Therapiekonzept für das Christentum, Kreuz Verlag 1988, S176

[2] Friedrich Weinreb, Gott Mutter. Die weibliche Seite Gottes. Thauros Verlag 1990, S58

[3] Ebda S 52

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Robert Harsieber

 

Philosoph - Journalist - Verleger

 

„Die Art,

wie wir die Welt sehen,

erleben und in ihr agieren,

hängt ab von einem ‚Denkrahmen‘.

Er zeigt den für uns wichtig gewordenen, gewohnten Ausschnitt der Wirklichkeit.

Er schließt ein

und er grenzt aus.

In diesen Denkrahmen

sind wir hineingewachsen.

Wir können aber auch

über ihn hinauswachsen.“